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"Bleib stehen!"

 


Gloria Zeins Keramiken inszenieren die Spur einer Gewalt. Sie knüpfen an künstlerische Traditionen an, die weit in die Geschichte der Menschwerdung zurückreichen. In ihnen manifestiert sich ein archaischer Schaffenstrieb, dessen Wesen im Unergründlichen an der Grenze zum Sakralen siedelt – eine Verbindung, die in frühgeschichtlichen Tonobjekten wie etwa Fruchtbarkeitstatuetten, Keramikrequisiten aus Opferritualen oder tönernen Insignien von Herrschern, Priestern und Gottheiten offenbar wird. In Gloria Zeins Objekten reinkarniert deren Zusammenhang mit einer Urgewalt – sei es als zerstörerische Kraft, als schöpferische Naturgewalt oder als reinigender Weltenbrand.

Die glasierten Keramikobjekte, die während der vergangenen drei Jahre entstanden sind, tragen in sehr deutlicher Weise das Handgefertigte als Residuum künstlerischer Schaffenskraft zur Schau. Ihre weichen, organischen Formen und ihre Farbgebung lassen oftmals an Inkarnat denken und konnotieren den menschlichen Körper. Wir sehen – unwillkürlich vielleicht mit einem Blick, der stetig nach Identifikation sucht und Bedeutung zu verleihen, ein Ebenbild zu (re-) konstruieren bedacht ist: Korsette und Krücken; Prothesen und Gipsabdrücke; Bandagen und Wundverbände; medizinische Pflaster, dieses unverwüstliche und doch so unzulängliche Imitat unserer sensiblen Haut; aber auch allerlei martialisches Gerät wie Armierungen, Panzer, Schilde, Helme und einst stolze heraldische Banner.

Doch handelt es sich hier nicht um zwei konträre Gruppen; vielmehr präsentieren sich alle Objekte ambivalent: als Agens einer Gewalt und als von ihr gezeichnetes Opfer. Wie Relikte einer kriegerischen Auseinandersetzung, wie geschundene, notdürftig reparierte und bisweilen verkohlte Rückstände einer ehemals unversehrten und lieblicheren Form evozieren sie Wunden und Verletzlichkeit, bedrohen uns aber zugleich als materialisierte Spur von Gewalt. Und auch die Schauplätze werden uns vorgeführt:
Ruinen, Mahnmäler, Arenen. Da gibt es Objekte, die an Wehr- und Gefängnistürme erinnern, an mittelalterliche Verliese, an Käfige oder Körbe, in denen Delinquenten auf Marktplätzen dem Spott preisgegeben und ihre Leichname zur Abschreckung
präsentiert waren, oder in denen Frauen zur Hexenprobe in Flüssen, Seen und Fässern untergetaucht wurden.

Andere, sehr komplexe Keramiken kaum zu beschreibender Form erscheinen als kleine verbrannte Landschaften, als kollabierte Gebäudekomplexe oder als Theater mit demolierten Kulissen, in dessen Rängen blutrote, wie unter einem Lavastrom erstarrte Beobachter zu sitzen scheinen; als ewig stumme Zeugen erzählen sie wie die Ruinen selbst von Zerstörung, aber auch von dem unwiederbringlich Verlorengegangenen, das sie beweinen.

Die Geistesgeschichte kennt zahlreiche Erzählungen über die Erschaffung von Homunkuli, und häufig klingt in ihnen eine Analogie zwischen künstlerischem Schaffen und Schöpfungsmythen an. Die Romantiker etwa inspirierte besonders die Legende des Prager Golem, der im 16. Jahrhundert von Rabbi Loew geschaffen worden sein soll. Nachdem der Meister ihn aus einem Lehmklumpen geformt hatte, sagte er eine Formel auf und legte ihm einen Zettel mit der Aufschrift "Shem" (Gott) unter die Zunge, wodurch er ihm Leben einhauchte. Er alleine hatte Gewalt über den Golem und konnte ihn durch Entfernen des Papiers wieder zum leblosen Pappkameraden machen. Joseph, so ward er geheißen, war ein gefügiger Knecht, der am Sabbat diejenigen Arbeiten verrichten konnte, die den Gläubigen verboten waren, und der nächtens im Ghetto antisemitische Angreifer abschrecken sollte. Einmal jedoch vergaß der Rabbi, den Zettel zu entfernen, und es ging mit Joseph durch, der in wildem Zerstörungseifer alles kurz und klein hieb, bis der Rabbi ihm gebot: "Joseph – bleib stehen!", und schleunigst den vergessenen Zettel entfernte.

Einer anderen Variante zufolge blieb dem hilflosen Rabbi nichts anderes ubrig, als sein blindwutiges Geschöpf in Stucke zu schlagen, um seinem zerstörerischen Tun Einhalt zu gebieten. Gloria Zeins Keramiken verraten nichts von dem ihnen vorausgegangenen Kampf und seinen Ursachen. Umso deutlicher verdichtet sich in ihrer Ambivalenz Opferwesen und Täterschaft. Auch sie könnten die Überbleibsel eines außer Kontrolle geratenen Automaten sein, eines Konflikts, der sich verselbständigt hatte und von den Kontrahenten nicht mehr zu regulieren war. So verweisen sie auf einen ewigen Zweikampf zwischen Fortschrittswut und Konservationswillen, zwischen Wissenschaft und Ethik, vor allem aber auf die Folgen der Hybris jedes unbedachten Handelns, das ganz sicher irgendwann seinen Tribut fordern wird.

 

Anna Grande, 2016

 

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