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Bestiaire en campagne

Kampagne eines ländlichen Bestiariums

 

Seit 2003 organisiert die Stadt Melle, ein kleiner Ort im Westen Frankreichs, eine internationale Kunstbiennale. In ihrer achten Auflage mit dem Titel « Le Grand Monnayage » wird die Geschichte der Stadt erschlossen: Thematischer Ausgangspunkt ist die Silbermine der Frankenkönige, das Charakteristikum dieser Kleinstadt. Tatsächlich hat Melle vom 5. bis 11. Jahrhundert die gesamte Silberproduktion für die Münzprägung des karolingischen Königreichs bestritten.

In Zusammenhang mit Ihrer Einladung zur Teilnahme an der biennale internationale d’art contemporain de Melle war Gloria Zein Gastkünstlerin am lokalen Landwirtschaftsgymnasium lycée agricole Jacques Bujault. Zum Abschluss ihrer Künstlerresidenz hat sie ein Werk für Schafe entwickelt: du vertige de la contingence.

Zeitgleich zeigt die Künstlerin ihre Arbeit Faire partir l’ombre im Zentrum von Melle inmitten des Musikpavillons auf dem Hauptplatz der Stadt. Beide Werke, deren Titel sich ergänzen und gemeinsam einen Satz ergeben (Faire partir l’ombre du vertige de la contingence) resultieren aus der Beschäftigung der Künstlerin mit der Stadt, ihrer Geschichte sowie aus ihren Beobachtungen am lycée agricole.

Aus einem sehr performativen Ansatz hat Gloria Zein ihre künstlerische Praxis sukzessive der Bildhauerei und Zeichnung zugewandt. Ihre Erfassung von Raum führt dazu, dass die Künstlerin ortsspezifischen Werken den Vorzug gibt.

Für den Musikpavillon von Melle schuf sie eine seltsame Voliere. Organisch geformte Keramiken mögen an dickbäuchige Leiber erinnern, an ausgemergelte Gesichter oder Oberkörper mit vorspringenden Büsten. Doch bei genauerer Betrachtung und Erforschung des Innenraums dieser Skulpturen tritt ein strukturiertes, organisiertes Universum zutage. Inneren Architekturen gleich lässt die Künstlerin stützende Konstruktionen sichtbar und hebt sie sogar hervor. Sie scheinen eine eingeschlossene Stadt oder ein Gebäude mit verschiedenen Räumen zu bilden. Diese fragilen keramischen Objekte werden von der Außenwelt durch eine visuell sehr präsente Stahlstruktur getrennt. Ihre Anordnung auf dem metallischen Gerüst, das an einen gebogenen Vogelkäfig erinnert, lässt die Objekte auch wie reglose Tiere erscheinen. Indem Gloria Zein den ungewöhnlichen Schritt unternimmt, dünnwandige Keramiken im öffentlichen Raum zu präsentieren hinterfragt sie den Wert der Dinge. Die Verletzlichkeit der Objekte wird betont. Der Pavillon, Ort der Zusammenkunft, wird ein Schauplatz, an dem diese stummen, statischen Kreaturen observiert werden können.

Die Formen im Werk von Gloria Zein sind entweder sehr geometrisch oder betont  organisch. In beiden Fällen gibt es wenig Tand, das Werk ist da, roh und bisweilen verstörend. Bei aufmerksamer Analyse der Vorgänge zeigen sich jedoch die Präzision der Eingriffe und der überaus humorvolle Zugang der Künstlerin.

Für das lycée agricole schuf Gloria Zein eine Skulptur für Tiere. Es sind die Schafe, die sie besonders interessiert haben und für die sie ein Werk ersonnen hat, das sich als Hymne auf die Kontingenz, d.h. den Zufall und unbestimmbare Ursächlichkeit entpuppt. Kaum plaziert auf ihrer Weide, ist die Skulptur zum Lieblingsort der Schafe geworden: Die Erwachsenen ruhen an ihrer Seite, während Lämmer in die Skulptur steigen, um darin zu schlafen. Konzipiert als Futterkorb mit einem zentralen Torso, der vertikale Einschnitte trägt, ist du vertige de la contingence zugleich eine kleine Manege, die einen loyalen, dickbäuchigen und kostümierten Herrn umschließt. Es könnte sich auch um eine korpulente Tänzerin handeln.

Indem sie der Fantasie des Betrachters freien Lauf lässt erschafft Gloria Zein eine Skulptur mit fast menschlicher Präsenz, zwischen Zirkusszene und phantastischer Kunstfigur.

 

Chloé Hipeau-Disko, 2018

 

 

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