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Die mysteriöse Ortsfindung der Schafe von Melle

Über Werte, Politik und Kunst

 

Die beiden Begriffe pecunia und pecus gehören etymologisch zusammen und sind ein zentrales Anliegen der Arbeit du vertige de la contingence der Künstlerin Gloria Zein für die Biennale 2018 in Melle. Pecunia heißt Geld und Reichtum. Pecus Schaf und Vieh. Das Schaf ist also nicht irgendein Tier, sondern pecus ist das Grundwort für Vieh, das ursprüngliche Wort für Reichtum. Daher gelten Schafe als wertvoll – sie sind Geld und Opfertier, Wolllieferant, Lebensmittelproduzent und Lebensmittel.

Mit dem Einsatz und der Herausforderung von Schafen wird das Thema Wert in Gang gesetzt. Über die Herde verweist das Wort Schaf auch auf die Sesshaftwerdung und die daraus hervorgehende Formung von Räumen, die das Leben des Menschen und der Gemeinschaft ordnet. Es sind Räume, die der physischen und geistigen Handhabbarkeit einer Gemeinschaft dienen.

Innenraum, Umraum und symbolischer Raum – drei Raumformen, in denen der Mensch seine Werte prozesshaft entwickelt.

Werte sind das Resultat von Aneignungsbemühungen – von Ergreifen und Besitzergreifen: angeeignet werden Verhaltensformen, Nahrung und Gebrauchsgüter. Sie werden in Besitz genommen und körperlich und geistig verarbeitet.

Werte sind das, was Menschen als erstrebenswert erachten. Sie haben Gehalt und Qualität und genießen hohe Aufmerksamkeit. Sie sind Ideen und Handlungsmuster, Glaubenssätze und Denkweisen, nach denen Menschen leben wollen. Sie können sein Verhalten betreffen, das sind moralische und soziale Werte, sie können auch Sachen betreffen, nach deren Qualität und Nachhaltigkeit gefragt wird. Da Werte in Kommunikationsprozessen entstehen, bringen sie zwischenmenschliche Qualitäten und politische Statements zum Ausdruck.

 Werte sind Attraktionen. Ob als Nahrung und saubere Luft (Innenraum), als Ding und Landschaft (Umraum) oder als interessante Idee (symbolischer Raum), sie leiten sich allesamt aus der Notwendigkeit des Überlebens oder aus Bedingungen des guten Lebens ab. Werte verweisen auf Vollkommenheit und geben Sinn und Orientierung. Sie zeigen sich als das Gute (Moral), das Wahre (Logik), die Liebe (Sozialität), die Qualität (Technik), die Transzendenz (Kunst) und das Schöne (Ästhetik). Insofern sind Werte Taktgeber und Orientierungshilfen für Menschen und Gemeinschaften, um Stabilität und Sicherheit zu geben und Perspektiven in die Zukunft.<s></s>
 
Für das Schöpfen von Werten sorgt bereits der Säugling. Sein Geschmack meidet das Bittere, Salzige und Saure, die Wachstum und Gesundheit gefährden können, und zieht das Süße vor, das für sein Wachstum die erforderliche Energie liefert. Und er entwickelt ein Gespür für Stoffe, die für den Einbau in den Körper geeignet sind. Der Wert ergibt sich aus dem Meiden von Gefahr und dem Aufbau von Kräften. Das, was sich in Körpereigenes umwandeln lässt, ist das, was gekostet werden kann – das ist dann das Kostbare, das Wertvolle, das nicht zufällig wohlschmeckt.

Auch im Umraum, dem Lebensraum, schöpft der Mensch Werte. Das sind Räume hoher Wertschätzung, da sie das Leben durch saubere Luft, einen guten Boden und eine beherrschbare Pflanzen- und Tierwelt sichern. Eine grundlegende Form des Umraums entsteht mit der Sesshaftwerdung. Die Menschen halten an, überwinden ihr Jäger- und Sammlertum und besetzen ein Stück Erde, wodurch der Boden entsteht. Auf ihm richten sie sich ein, indem sie sich aus dem großen Haus, dem Oikos, ein Haus herausschneiden, und eine eigene, humane Welt schaffen. Die Überschaubarkeit des neuen Raumes und der Besitz an Boden stattet die Besitzer mit territorialer Macht aus, die nun eine wahre Leidenschaft der Wertschöpfung entfaltet. Sie beginnen damit, ihre Lebensmittel und die unendlich vielen Gebrauchsgüter und Luxusgegenstände selbst zu produzieren.

Ebenso schöpft der Mensch im symbolischen Raum, dem Denkraum, Werte. Denn sein Leben gründet nicht allein in materiellen Bedürfnissen. Aufgrund seiner neuen Lebensweise beginnt er sein Verhältnis zur Natur zur reflektieren und nach seiner Existenz zu fragen. So entstehen Naturtheorien, philosophische Reflexionen und Fragen nach der Technik und nach der Psyche des Menschen. Denn da das Naturwesen Mensch auch ein Wesen der Kultur ist, haben seine geistigen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse auch den Charakter der Notwendigkeit. Ihre Werte entstehen im Kontext sozialer Kontakte und sind abhängig vom einzelnen Menschen wie von kulturellen Konzepten. Kulturwerte wie Technik, Wissenschaft oder Kunst bilden einen wesentlichen Antrieb zur Entwicklung von Gemeinschaften und Kulturen.

Mit ihrem Aneignungsvermögen erfinden die Sesshaften auch das Geld und seinen Wert. Der Wert liegt weniger im Material wie Gold oder Silber, als in der Absprache und im Vertrauen ins Geld, ob es als Münze vorliegt, oder als Kredit-Schein, dem ältesten Schriftdokument der Menschheit. Man glaubt, dass der Mensch mit dem Kredit etwas Sinnvolles anfangen, etwas Gutes entwickeln wird – daher heißt credible auch glaubwürdig.

Wenn Werte auf das Gute, Wahre und Liebe, auf Qualität, Transzendenz und das Schöne verweisen, geht es um das Ideal eines persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens. Allerdings ist das nur im Ideal eines weltgemeinschaftlichen Lebens realisierbar. Für eine solche Richtung müssen die Menschen in ihrem symbolischen Raum aktiv werden: kreativ und moralisch verbindlich in ihrem Denken und Fühlen, Handeln und Verhalten.

Als besondere Form des Kulturschaffens und Werteschöpfens hat gerade in Gesellschaften, die rationalen Lebensformen huldigen, Kunst eine Erkenntnis und Orientierung gebende Funktion. Und wenn es um Mythos und Geld, um Opfer und Erkenntnis geht, ist die Arbeit Faire partir l’ombre du vertige de la contingence von Gloria Zein ein treffender Zusammenklang. Werden seit der Sesshaftwerdung die Haustiere, also das Vieh, wie in Faire partir l’ombre direkt in die Falle, das Gehege hineingeboren, findet sich bei du vertige de la contingence ein Gehege, in dem sich die abstrakte Form eines menschlichen Torsos befindet: Spontan haben die Schafe von Melle den Ort aufgesucht, ihn als ihre Lokalität erkannt und das Kunstwerk legitimer Weise zu ihrem Nutzen in Besitz genommen.

 

Hajo Eickhoff, 2018

 

 

 

 

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